Jeewi Lee 

Künstlerin
Berlin · 2025

Fünf Monate später

Meine Reise zur zeitgenössischen Kunst begann mit der Ausstellung von Jeewi Lee in der Galerie Sexauer.

Ich ging durch die Räume von Field of Fragments - und verstand nichts. Die Werke erreichten mich nicht. Vielleicht war ich einfach noch nicht bereit für sie.

Heute weiß ich, warum mich diese Arbeiten damals noch nicht erreichen konnten. Jeewi sammelt Sandkörner an verschiedenen Orten der Welt und lässt sie mit Wissenschaftlern bis auf das etwa 3.000-Fache vergrößern. Plötzlich wird sichtbar, was unserem Auge normalerweise verborgen bleibt. Für sie ist jedes Sandkorn ein Gedächtnisspeicher der Erde.

Fünf Monate später saß ich in Jeewis Atelier in Kreuzberg.

Jeewi nahm sich Zeit. Viel Zeit. Sie sprach über ihre Arbeiten, über Erinnerungen und Vergänglichkeit. Jede Antwort öffnete eine weitere Tür. Langsam begann ich zu sehen, was mir zuvor verborgen geblieben war.

Besonders bewegte mich Ashes to Ashes. Jeewi hatte nach den Waldbränden am Monte Serra Asche und Holzkohle gesammelt und daraus handgefertigte Seifen geschaffen. Jedes Stück trägt den Abdruck einer verkohlten Baumrinde. In diesem Moment verstand ich, dass diese Arbeiten nicht vom Ende erzählen. Sondern vom Neubeginn.

Ebenso faszinierte mich die Werkgruppe „Vor-wurf“. Jeewi hatte das verlassene Haus ihres schon vor ihrer Geburt verstorbenen Großvaters in Korea besucht. Sie zog die Tapeten von den Wänden ab und brachte sie nach Deutschland. Alltagsgegenstände, die sie vorfand, ließ sie in Bronze gießen.

Als ich das Atelier verließ, hatte sich nicht ihre Kunst verändert.

Sondern mein Blick.

Einige Wochen später zogen zwei Arbeiten aus Ashes to Ashes bei mir ein. Später folgte eine kleine Bronze – ein paar zum Trocknen aufgehängte Fische aus dem Haus des Großvaters.

Verständnis begann an diesem Nachmittag nicht vor einem Bild.
Sondern an einem Tisch.